🕵️ Das Stourzda Geheimnis

🔎 Prolog – Der Fund

Es begann, wie so manches in Baden-Baden beginnt, mit einem alten Haus und einer Haushaltsauflösung.

Karin Wendt kennt viele solcher Häuser. Sie ist dabei, wenn Wohnungen oder ganze Haushalte aufgelöst werden, wenn Dinge, die über Jahrzehnte ihren Platz hatten, plötzlich keinen mehr haben. Alte Bücher, Bilder, Porzellan, Möbel, manchmal Dinge, deren Wert sich erst auf den zweiten Blick erschließt.

Karin Wendt war mit der Auflösung des Nachlasses von Dr. Friedrich von Ehlert befasst. Dabei fiel ihr ein älteres Buch in die Hände.

Es stammte aus dem Jahr 1916 und trug den Namen L. I. Autonomova als Autorin.

Karin blätterte darin. Es war ein Buch, das sich mit historischen Erinnerungen beschäftigte. Und dann stieß sie auf eine Stelle, die mit der Familie Stourdza und dem Tod des jungen Michael verbunden war.

Dort wurde eine ungewöhnliche Überlieferung wiedergegeben: Smaragda, Michaels Mutter, soll ihre Tochter Maria wiederholt gefragt haben, warum sie für den Tod ihres Bruders verantwortlich sei.

Karin blieb an dieser Stelle hängen.

Michael Stourdza war 1863 in Paris gestorben.

Und mehr als fünfzig Jahre später tauchte in dieser Überlieferung plötzlich der Name seiner Schwester Maria im Zusammenhang mit seinem Tod auf.

Karin blätterte weiter.

Dabei entdeckte sie einen unvollständigen Brief, der zwischen den Seiten des Buches lag.

Sie las nur wenige Zeilen, bevor sie das Buch wieder schloss.

Der Fund ließ sie nicht los.

Später gab Karin das Buch ihrer Tochter Petra.

Bei Petra zu Hause holte Petra das Buch hervor. Sie schlug es an der Stelle auf, an der Karin den Brief gefunden hatte.

Die Passage über Michael war noch da.

Und auch der Brief lag noch zwischen den Seiten.

Petra nahm ihn vorsichtig heraus.

Damit hätte die Sache eigentlich beendet sein können.

Wäre da nicht jener Spaziergang gewesen.

Auf dem Weg zum Michaelsberg

Einige Tage später war ich mit Petra in Baden-Baden unterwegs.

Wir gingen durch die Stadt in Richtung Michaelsberg. Der Weg führte uns vorbei an den alten Anlagen, und irgendwann standen wir vor der Stourdza-Kapelle. Der Name "Kapelle" wirkt angesichts des monumentalen Bauwerks beinahe bescheiden. Geweiht ist sie dem heiligen Erzengel Michael, und sie ist eng mit der Geschichte der Familie Stourdza verbunden.

Ich erzählte Petra von der Familie und schließlich von Michael Stourdza.

Der junge Mann war erst sechzehn Jahre alt gewesen, als er 1863 in Paris starb.

Sein Tod gehört zu jenen historischen Ereignissen, bei denen die Überlieferung Fragen offenlässt. Was genau in seinen letzten Tagen geschah, ist nicht eindeutig geklärt.

Petra hörte aufmerksam zu.

Petra:
"Michael Stourdza …"

Gerd:
"Ja?"

Sie schüttelte langsam den Kopf.

Petra:
"Ich weiß nicht."

Gerd:
"Was weißt du nicht?"

Petra:
"Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor."

Sie schwieg einen Augenblick und sah zur Kapelle hinüber.

Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

Petra:
"Warte."

Gerd:
"Was ist?"

Petra:
"Meine Mutter hat mir doch dieses Buch gegeben."

Ich sah sie fragend an.

Gerd:
"Welches Buch?"

Petra:
"Das aus der Haushaltsauflösung. Das Buch von Autonomova."

Jetzt wurde auch ich aufmerksam.

Gerd:
"Was ist mit dem?"

Petra:
"Da stand etwas über Michael. Und über Maria."

Gerd:
"Was genau?"

Petra dachte nach.

Petra:
"Ich weiß es nicht mehr genau. Aber ich weiß noch, dass es um seinen Tod ging."

Sie machte eine kleine Pause.

Petra:
"Und da war dieser Brief."

Gerd:
"Dann müssen wir uns das noch einmal genau ansehen."

Petra nickte.

Bei Petra zu Hause

Wir gingen zu Petra nach Hause.

Petra holte das Buch aus einem Regal und legte es auf den Tisch. Vorsichtig suchte sie die Stelle, an der der Brief gelegen hatte.

Wir sahen uns die Passage noch einmal an.

Es war tatsächlich die Stelle über Michael Stourdza und seinen frühen Tod.

Und dort stand auch die ungewöhnliche Überlieferung über Maria.

Petra nahm den Brief aus einer Schublade.

Petra:
"Ich habe ihn noch nicht richtig gelesen."

Gerd:
"Dann lesen wir ihn jetzt."

Sie legte das alte Papier vor uns auf den Tisch.

Die Schrift war verblasst, aber noch gut zu erkennen.

Und dann begann Petra zu lesen:

"Wenn du diese Zeilen liest, hoffe ich inständig, dass du klüger gehandelt hast als ich und diesen Ort längst hinter dir gelassen hast. Doch ein nagendes Gefühl sagt mir, dass du noch da bist – dass du immer noch nach Antworten suchst, wo es nur noch Schatten gibt.

Niemand sonst hätte mir geglaubt. Selbst jetzt zögere ich, diese Worte überhaupt niederzuschreiben, denn das, worüber wir geschwiegen haben, schläft nicht. Aber seit gestern Abend hat sich etwas verändert. Das Schweigen, das uns bisher geschützt hat, ist gebrochen, und die Fragen, die du damals gestellt hast, stellen jetzt andere.

Du hast mich gebeten, die Augen offen zu halten. Ich habe sie geöffnet – und wünschte, ich hätte es nie getan.

Wir müssen sprechen. Und zwar bevor der nächste Morgen anbricht, an dem niemand mehr da ist, um Fragen zu stellen. Komm an den bekannten Ort."

Petra ließ das Blatt sinken.

Eine Weile sagte keiner von uns etwas.

Dann sah sie mich an.

Petra:
"Gerd …"

Gerd:
"Ja?"

Petra:
"Das ist doch kein Zufall."

Ich nahm den Brief noch einmal in die Hand.

Gerd:
"Das wissen wir noch nicht."

Petra:
"Aber er lag genau bei der Stelle über Michael."

Gerd:
"Das stimmt."

Petra:
"Und diese Geschichte über Maria steht dort auch."

Ich sah noch einmal auf das Buch.

Gerd:
"Das ist etwas anderes."

Petra:
"Was meinst du?"

Gerd:
"Die Überlieferung von 1916 ist eine historische Quelle. Der Brief ist etwas, dessen Herkunft wir erst noch klären müssen."

Petra nickte langsam.

Petra:
"Aber beides liegt zusammen."

Gerd:
"Ja."

Ich legte das Blatt vorsichtig zurück.

Gerd:
"Und genau deshalb müssen wir herausfinden, woher dieser Brief kommt und warum er ausgerechnet hier lag."

Petra nickte.

Und damit begann unser Fall.